Kurzantwort: Die SRT-Latenz ist ein Recovery-Fenster für Jitter und verlorene Pakete – nicht einfach nur „unnötige Verzögerung“. Auf einem guten Netz ist ungefähr 4× RTT eine brauchbare Faustregel; bei mobilen Netzen und Burst-Loss braucht man oft deutlich mehr. Für mobiles IRL sind 1.000–2.000 ms ein sinnvoller Startbereich. IRL.com.de empfiehlt, wenn möglich bei höchstens etwa 2.500 ms zu bleiben, damit die zusätzliche Transportverzögerung den Stream nicht unnötig weit vom Live-Gefühl entfernt. Das ist eine Praxisempfehlung und kein technisches SRT-Maximum.
Was die SRT-Latenz wirklich macht
SRT hält Pakete auf Sender- und Empfängerseite in Puffern. Dadurch bleibt Zeit, ein als verloren erkanntes Paket erneut anzufordern und noch rechtzeitig einzusortieren. Je größer dieses Zeitfenster ist, desto mehr Netzschwankungen kann SRT abfangen – dafür steigt die Transportlatenz.
Die offiziell ausgehandelte Latenz ergibt sich aus Sender und Empfänger; bei der Verbindung wird der höhere relevante Wert verwendet.
Die 4×-RTT-Faustregel
Die Haivision-Dokumentation nennt für ein relativ gutes Netz mit ungefähr 0,1–0,2 % Verlust und ohne starken Burst-Loss etwa 4× RTT als Faustregel.
Gemessener RTT
4× RTT als Ausgangspunkt
Praxis
50 ms
200 ms
Für ein gutes, stabiles Netz plausibel
100 ms
400 ms
Kann bei mobilen Schwankungen noch knapp sein
250 ms
1.000 ms
Mehr Recovery-Zeit für schwierige Links
500 ms
2.000 ms
Hohe Verzögerung, aber deutlich mehr Spielraum
Wichtig: Burst-Loss kann einen größeren Puffer erfordern als die einfache RTT-Rechnung. Wenn ein Aussetzer länger als das verfügbare Recovery-Fenster dauert, kann SRT die fehlenden Daten nicht mehr rechtzeitig retten.
Welchen Wert sollte ich für IRL-Streaming nehmen?
Sehr stabiles LAN/Festnetz: eher niedrig anfangen und anhand von RTT/Paketverlust testen.
Gutes 5G/LTE: einige hundert Millisekunden können reichen, Schwankungen beobachten.
Mobiles IRL mit wechselnder Abdeckung: 1.000–2.000 ms sind ein konservativer, häufig brauchbarer Startbereich.
Schwierige mobile Strecke: schrittweise erhöhen, aber für ein möglichst direktes Live-Gefühl nach Möglichkeit unter etwa 2.500 ms bleiben.
Extrem instabile Verbindung: mehr als 2.500 ms kann technisch sinnvoll sein, wenn ein stabilerer Stream wichtiger ist als die zusätzliche Verzögerung.
Praxisgrenze statt Protokolllimit: Die ungefähr 2.500 ms sind bei IRL.com.de eine Empfehlung für den Live-Charakter. Oberhalb davon liegt allein das SRT-Recovery-Fenster bereits bei mehreren Sekunden; Encoding, Relay, Plattform und Player kommen noch dazu. SRT selbst erlaubt technisch auch höhere Werte.
Woran erkenne ich einen zu kleinen Puffer?
Skipped/Dropped Packets steigen, obwohl noch Bandbreite vorhanden ist.
Kurze Netzspitzen führen sofort zu sichtbaren Artefakten oder Freezes.
Der Stream ist auf einem ruhigen Netz stabil, bricht aber bei wechselnder Mobilfunkqualität ein.
Steigen Verluste dagegen in großen Sprüngen oder ist die Leitung dauerhaft überlastet, löst „noch mehr Puffer“ das Grundproblem nicht. Dann Bitrate reduzieren, schwache Links prüfen oder bei mehreren Netzen SRTLA-Bonding nutzen.
Praktischer Tuning-Ablauf
RTT und Paketverlust während eines realistischen Tests beobachten.
Mit ungefähr 4× RTT starten, wenn das Netz relativ sauber ist.
Bei mobilen Bursts schrittweise erhöhen.
Für IRL nach Möglichkeit den kleinsten stabilen Wert unter etwa 2.500 ms wählen.
Wenn erst deutlich mehr als 2.500 ms stabil funktioniert, bewusst zwischen zusätzlicher Stabilität und spürbar höherer Live-Verzögerung abwägen.
Wenn Stabilität trotz großem Puffer schlecht bleibt, Bitrate oder Netzwerkpfade optimieren.